Herzlich Willkommen

zur Ausstellung "zwischenspiel"

mit Ölmalerei

der Bayreuther Künstlerin Lucie Kazda -

vor wenigen Wochen hätte man noch sagen müssen:

der Rheinländischen Künstlerin - die letzten vier Jahre wohnte sie nämlich in Bergisch-Gladbach bei Köln - der Umzug nach Bayreuth hat gerade erst vor wenigen Tagen stattgefunden.

 

Die Künstlerin ist anwesend - und die Ausstellung hier in den oberen Galerieräumen umfasst 32 Bildarbeiten aus den Jahren 2013 bis 2015.

 

Bevor ich gleich einige Gedanken und Beobachtungen zu den ausgestellten Arbeiten mit Ihnen teilen werde und wir zum Abschluss einen kurzen, gemeinsamen Blick auf eine exemplarisch ausgewählte Arbeit werfen,

zunächst einmal die obligatorischen Anmerkungen zur Biographie der Künstlerin:

 

Lucie Kazda wurde 1974 in Tschechien geboren, wo sie auch aufwuchs -

als junge Erwachsene kam sie nach Deutschland,

erlernte hier zunächst das Frieseurhandwerk, arbeitete als Maskenbildnerin und studierte dann 1999-2005 an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee Textil- und Oberflächendesign.

Als Designerin arbeitete sie u.a. bei Mercedes Benz und für die BMW-Group -

ihre Spezialgebiete waren dabei die Entwicklung von Materialien und die Gestaltung von Oberflächen im Interieur von Luxus-Fahrzeugen.

2009 setzt ihre dezidiert künstlerische Tätigkeit ein, gleichzeitig arbeitet sie weiter als freiberufliche Designerin.

 

In Lucie Kazdas künstlerischer Arbeit kommen drei Tendenzen zum Ausdruck, die sie auch schon in ihrer Arbeit als Designerin entwickelte:

         1. ein sinnliches Interesse für Oberflächen,

         2. ein Hang zum forschenden Experimentieren und

         3. ein hohes Reflexionsniveau. Damit kommt sie einer Forderung entgegen,    die heute an zeitgenössische Kunst, die nationale oder internationale Bedeutung erlangen will, unbedingt zu stellen ist: dass die Werke neben allen anderen, spezifischen künstlerischen Absichten immer auch sich selbst, also die       Kunst und ihre Möglichkeiten, reflektieren.

 

So ist es eine strategisch vollkommen einsichtige Entscheidung, wenn Lucie Kazda die augenblickliche Werkphase fundiert mit einer intensiven ästhetischen Untersuchung des Quadrats. Sie nimmt damit Bezug auf eine ausdifferenzierte, lange Tradition innerhalb der Kunstgeschichte der Moderne -

beginnend bei Kasimir Malewitsch, der mit seinem "Schwarzen Quadrat" von 1915 eine Art absoluten Nullpunkt der Malerei markierte, als Ausgangspunkt für alles Weitere - bis hin zum Echo, das diese Setzung in den weißen Quadraten, den "White Paintings" von Robert Rauschenberg im Jahr 1951 fand - dazwischen die farbigen, in einander geschachtelten Quadrate des Bauhaus-Künstlers Josef Albers aus seiner Serie "Hommage to the square" - um nur die wichtigsten Eckpunkte zu nennen.

 

Hier also setzt Lucie Kazda an, und sie erforscht auf kleinformatigen, quadratischen Papierbögen - 40x40 cm ist das gängige Maß - mittels Ölmalerei auf vielfältige Weise die kompositorischen Variationsmöglichkeiten dieses reduzierten Motivs mittels Verschiebung, Verdoppel- und Vervielfachung, Schärfung oder Auflösung der Konturen etc., wobei sie eine besondere Lust entwickelt dabei, die Farbe in die Formen und ihre Umfelder hinein zu geben mit ihrer Leuchtkraft einerseits, ihrer Fähigkeit zur Bildung feinster Nuancierungen andererseits. Und es ist die Farbe, die einigen dieser eigentlich konzeptionellen Arbeiten eine teilweise geradezu suggestive, verführerische Sinnlichkeit und Präsenz verleiht.

 

Für Luzie Kazda ist das Motiv des Quadrats allerdings nicht nur eine der grundlegenden, geometrischen Figuren und somit eine rein abstrakte Form - sie sieht in ihm auch ein Sinnbild für eine der Grund-Tatsachen menschlichen Wahrnehmens, nämlich für die Ausschnitthaftigkeit eines jeden Sehvorgangs. Quadrat und Rechteck sind für sie wie Fenster oder Türen, die Einblick oder Ausblick gewähren. Somit stellen ihre Bilder mit den Quadraturen auch die Frage: Was ist ein Bild? und nehmen dabei Bezug zu einem der ganz frühen Theoretiker der europäischen Kunst, dem Frührenaissance-Künstler Leon Battista Alberti, der in seiner Schrift "De Pittura" schon 1435/1436 die Metapher des Tafelbildes als Fenster in die Welt hinaus erfand.

 

Nun zu einem zweiten Bildtypus von Lucie Kazda, den wir in dieser Ausstellung finden. Es handelt sich um teils kleinformatige (im bekannten Maß 40x40 cm), teils größer-formatige Arbeiten (mit den Maßen 100x100 cm), die auf eine ganz andere Weise Bezug zur kunsthistorischen Tradition nehmen, nämlich inhaltlich auf die Landschaftsmalerei und insbesondere auf die Romantik mit ihrem wohl exponiertesten, deutschen Protagonisten Caspar David Friedrich, die sich formal aber eher anlehnen an die amorphen, informell-abstrakten Farbstrukturen des Tachismus und des abstrakten Expressionismus der späten 1950ger Jahre.

 

In diesen Arbeiten, durchweg Ölmalerei auf Transparent-Papier, spielt Lucie Kazda ihr Interesse an Oberflächentexturen aus. Teilweise trägt sie die Farbpasten mit dem Finger auf, teilweise verwendet sie neben normalem Pinselauftrag Methoden, die sie als Öl-Frottage bezeichnet, deren detailliertes Funktionieren sie jedoch als Werkstatt-Geheimnis bewahrt - was übrigens vollkommen legitim ist, die großen Meister der Renaissance haben es in ihren Werkstätten nicht anders gehalten. Die formale Gestalt dieser Arbeiten und ihre Inhaltlichkeit entstehen im schöpferischen Prozess quasi parallel, sie emergieren gleichzeitig - das unterscheidet sie von traditioneller Landschaftsmalerei. Es geht hier also nicht um das mimetische Abbilden von äußeren Landschaften, sondern um Resonanzen zwischen inneren Erinnerungsspuren an Landschaft und Substanz-Ereignissen im Malprozess.

 

So ist das Haptische in diesen Bildern allerorts spürbar - wiewohl für uns Betrachter nur in der Vorstellung, auch in der inneren Rekonstruktion des Herstellungsprozesses vielleicht - die Rezeption jedoch bleibt auf das Sehen beschränkt und erweitert sich nicht auf ein direktes Anfassen. Im Gegenteil: Einige der Transparent-Arbeiten sind momentan so gerahmt, dass sie direkt der Luft ausgesetzt sind, also nicht durch Glas geschützt werden, so dass sie sich dadurch mehr zeigen - sich andererseits jedoch in einer prekären, verletzlichen Lage befinden und unseres Abstand-Haltens bedürfen.

 

Teilweise sind die über weißem Kartongrund gespannten Transparente beidseitig bearbeitet, was den Bildräumen eine größere Tiefe verleiht. Inhaltlich enthalten die Bilder mehrfach die Motive Wasser und Wald - zwei Themen, die Lucie Kazda am Herzen liegen: das Wasser als die Urkraft des Lebens, der Wald als Metapher für Verwurzelung und Wachstum - und gerade in den Slawischen Erzähltraditionen steht der Birkenwald für den Märchenwald, den Zauberwald, das Geheimnis. Das wichtigste Thema in diesen Arbeiten ist jedoch das Licht - wie es sich spiegelt, wie es im Wasser funkelt und flirrt, wie es die Birkenstämme erst formt und uns betrachten lässt und anderes überstrahlt und unseren Blicken entzieht.

 

Damit komme ich nun zum dritten und avanciertesten Typus von Arbeiten in dieser Ausstellung, von dem man sagen kann, dass Lucie Kazda in ihm eine ganz eigene, neue Bildform und auch Bildsprache erfunden und entfaltet hat. Diese Arbeiten stammen alle aus 2015, sie kombinieren einige der Errungenschaften und ästhetischen Eigenarten aus den beiden vorhergehenden, gerade besprochenen Werkgruppen miteinander und fügen in einer Geste der Intermedialität als weitere Komponente die Fotografie hinzu.

 

Den Grund dieser Arbeiten, die Basis quasi, bilden Format-füllende Prints von digitalen Fotografien, die von Luzie Kazda selbst stammen. Die Künstlerin hält mit der Kamera Augenblicke ihres Lebens fest, teilweise als spontane Beobachtung, teilweise aber auch mit dezidiert im Kunstkontext eingenommener, konstruierter Perspektive - auch unterzieht sie diese Aufnahmen, wenn nötig, einem digitalen Klärungs- und Veränderungsprozess, sodass in ihnen neben dem Persönlichen etwas Allgemeines und Verdichtetes zum Vorschein kommt.

 

Darüber zieht sie, wie in einer zweiten Ebene, das Pergamentpapier, das mit seiner milchigen Transparenz die Schärfe der Fotografie zurücknimmt, mildert - gleichzeitig aber Träger wird für den Auftrag von Ölfarbe, die teils streng grafisch-linear, teils flächig lasierend, teils deckend und opake Schichten bildend von Lucie Kazda eingesetzt wird, um das ursprüngliche Motiv einer kompletten Transformation zu unterziehen. Von der ursprünglichen Narration des Fotos bleiben nur Residuen zurück - unter diesen übrigens erstmals auch die menschliche Figur - was hingegen in den Vordergrund der Aufmerksamkeit tritt, ist die Konstruktion, das Ziehen von Grenzen, das Hinzufügen weiterer illusionistischer Ebenen.

 

Eine dieser Arbeiten möchte ich jetzt gemeinsam mit Ihnen exemplarisch betrachten:

 

Es handelt sich um die Arbeit "Zwischenspiel", die der gesamten Ausstellung ihren Titel gab.

 

Vermeintlich blicken wir auf eine Art Bucht - Wasser jedenfalls im Vordergrund, im Hintergrund eine Gebirgskette mit Schnee-Hängen, darüber ein malerisch bewölkter Himmel. In diesen Himmel eingeschrieben ein Rechteck, Bildrand-parallel, mit einem waagerechten Fortsatz oben links, als würde eine still herabhängende, transparente Fahne dort von einer Stange gehalten. Doch: woran ist sie befestigt? Im Kontext der ursprünglichen Landschaftsschilderung machen die beiden vertikalen, ebenfalls Bildrand-parallelen Streifen links neben der Fahne keinen Sinn. Sie zwingen zum Einnehmen einer anderen Haltung zum Bild.

 

Offensichtlich besteht ein Zusammenhang mit der nicht ganz strengen Diagonale, die vom rechten, unteren Bildrand bis zur linken, unteren Ecke des Doppelstreifens reicht und den Bereich des Wassers in eine dunkle Zone hinten und eine helle Zone vorne unterteilt. Vor allem dank der an Schattenkanten erinnernden Schwärzungen der Streifenkanten unten und links entsteht der Eindruck, als habe ein kristallines oder gläsernes Prisma einen Schnitt von rechts nach links in das Papier des Bildes getrieben - an der Kante unten links staut sich offenbar noch das geschnittene Papier in einer schwarzen Schattenbildung - und als Assoziation mag sofort ein anderer, berühmter Schnitt auftauchen: das Bild vom Rasiermesser-Schnitt ins Auge in dem surrealistischen Film "Un chien andalou" von Salvador Dali und Luis Bunuel aus dem Jahr 1929.

 

Mit den beiden Elementen "Prisma" und "Fahne" bricht Lucie Kazda die innere Kontinuität einer illusionistischen Landschaftsschilderung - und mit dem Prisma und dem damit verbundenen Schnitt stört sie auch den Genuss einer surrealistischen Traumlandschaft herkömmlicher Art, den die Fahne nahelegen könnte - jedoch nicht auf eine pädagogische oder zwingende Weise, sondern offen, als Angebot - niemand muss das Bild so lesen, wie ich es gerade vorgeführt habe.

 

Doch eins ist klar: dieses Bild ist nicht geeignet, um sich einzufühlen und sich dem kontemplativen Genuss einer Landschaftsschilderung hinzugeben - es erfordert Reflexion und das versuchsweise Ausprobieren von Lesarten, die doch immer wieder in Frage zu stellen sind - denn schließlich ist ja auch der Schnitt des Prismas durch das Bild nur eine andere Ebene von Bild-Illusion.

 

Und noch ein Aspekt am Rande: tatsächlich handelt es sich bei dem zugrunde liegenden Foto keineswegs um eine Landschaftsaufnahme mit Gebirge - das, was als Bergkette mit Schneehängen erscheint, ist realiter auf dem Foto eine Gruppe von Hafenspeichern mit ihren Dächern. Darüber hinaus besitzt das ursprüngliche Foto einen Point of Interest, ein narratives Zentrum, das in der Zubereitung der zweiten Oberfläche auf dem Transparent weitestgehend verschwunden ist und verdeckt wurde wie ein verschwiegenes Geheimnis - und wenn überhaupt, nur noch von unten - ungesehen - und im Verborgenen wirkt.

 

Sodass wir zusammenfassend sagen können:

 

Lucie Kazda stellt in ihrer künstlerischen Arbeit die Frage nach Grenzen - vor allem nach den Grenzen, die den Bildern und unserer menschlichen Wahrnehmung inhärent sind. Wie verhalten wir uns innerhalb dieser Grenzen? Nehmen wir sie wahr - oder nehmen wir sie unbewusst einfach hin? Thematisieren wir sie? Setzen wir vielleicht dann und wann an, sie zu überschreiten? Diese Fragen stellt Lucie Kazda nicht mit Hilfe philosophischer Traktate. Indem sie sie in ihren Bilder stellt, gibt sie gleichzeitig in jedem einzelnen von ihnen auf Teilaspekte dieser Fragen eine Antwort - sinnlich, assoziativ, im Dreiklang von Substanz, Erfindung und Erscheinung.

 

Ich danke Ihnen!

 

Autor: Christoph Poche, Berlin

 

 

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