LUCIE KAZDA

LICHTE AUGENBLICKE - LUCID MOMENTS

 

Unsere lichten Augenblicke sind Augenblicke des Glücks, ist es hell in unserem Geist, so ist es schön in ihm.

Joseph Joubert  (1754-1824)

Kunstwerke erhellen unsere Gemüter meistens dann, wenn das zu Erblickende begeistert, erfreut, ergreift, verblüfft, uns nachdenklich stimmt oder durch seine Bildsprache das innere Auge verzaubert. "Das Auge ist kein Instrument, kein Spiegel - es ist eine lebendige Weiterleitung in unserem Organismus. ... Es sieht, was es sucht, und was es nicht versteht, sieht es nicht. - Wir wollen also das Außergewöhnliche unbefangen, das Triviale neuartig sehen." [1]

Die Frage ist, inwieweit es Künstler durch ihr naturgegebenes Talent, ihre Phantasie, ihren Esprit vermögen, Dinge anders aufzuzeigen, darzustellen und somit das Außergewöhnliche sowie das Neuartige zu erschaffen? Zwischen Idee und Aktion kreist dieses Dasein, welches im besten Fall inspirierende Energie ausstrahlt.

 

Die Membrana pergamena (pergamenische Häute) - das Pergament - bezeichnet den historischen Vorläufer des heutigen Pergamentpapiers, welches Eigenschaften wie die der Lichtdurchlässigkeit, glatten Oberfläche, Geschmeidigkeit und Haltbarkeit besitzt. Dieses bereits aus dem Altertum bekannte Material hat sich auch Lucie Kazda als Werkstoff für ihre Bilder auserkoren.

Vor Kazdas großformatigen Arbeiten stehend, ist einem die 'Pergamenthaut', die die Bilder mit einem nebulösem Schleier umschließen, nicht bewusst. Denn im Moment des Betrachtens eröffnet sich die Erscheinung eines hellen Lichtkegels, der das jeweilige Farbspektrum aufnimmt, abstößt und zu einer Einheit verschmelzen lässt. Es ist hier die semipermeable Membran, die in der Lage ist, das Licht durchzulassen, ebenso zu reflektieren, um Licht und Schatten zu verdeutlichen sowie als  künstlerisches Mittel aufzufassen.

Durch die Verwendung von Transparentpapier als zweite belebende Schicht, ergeben sich Überdeckungen an Farbräumen, die anhand von in sich fließenden malerischen und zeichnerischen Übergängen entstehen und die den eigentlichen ersten Bildträger - eine Fotografie - auf den ersten Blick nicht preisgeben.

So beinhalten diese papiergeschichteten Gemälde zwei Werkprozesse in einem Bild: die fotografische sowie die malerische Ausgestaltung, die sich am Ende in ein harmonisches Gesamtbild fügt.

 

Lucie Kazda hat für sich eine künstlerische Herangehensweise entwickelt, die das konzeptuelle Arbeiten mit dem experimentierfreudigem Gestalten verbindet. Mit Ölmalereien benetzt Kazda das Pergamentpapier und lässt ein zufällig entstandenes Farbspiel zu, welches sie im nächsten Moment wieder verwirft, um Buntheit und Gefälligkeit zu vermeiden. Für Lucie Kazda ist diese Möglichkeit an Dekonstruktion belebend und birgt künstlerische Freiheiten in sich, die für ihr Arbeiten existentiell sind. Denn das unvermittelte Aufeinanderstoßen unterschiedlicher Materialien sowie verschiedene künstlerische Techniken bildet andersartige Räume und Linienführungen aus, welche das ausbalancierte Konzept, bestehend aus klaren Strukturen und frei aufgefassten Farbwerten, charakterisiert und dadurch eine sublime Ästhetik aufweist.

 

Dabei ist die zumeist angewendete Weise der Frottage bei Kazda erwähnenswert. Oberflächen von Baumrinden, Blattwerk, groben Steinplatten, Gemäuer, Holzmaserungen oder interessanten Erderhebungen werden von der Natur aufgenommen und durch Abreibung mit Öl auf das transparente Papier übertragen. Dadurch erscheinen ihre sensibel aufgefassten 'Pergamenthäute' nicht starr, sondern nehmen interessante Texturen und deren materielle Verfasstheit als weiteres Bildelement auf, die das organische Bestreben in Kazdas Arbeiten instinktiv nachempfinden lässt.

 

So wie die Künstlerin ihre Farb- und Formfindung beschreibt, befindet sie sich beim Entwickeln ihrer Ideen und Vorstellungen in einem entrücktem Zustand der Selbstfindung, aber auch des Selbstzweifels, der darin besteht, alles Alltägliche zu vergessen, ja auszuschalten, um sich gänzlich nur der eigenen künstlerischen Wahrnehmung hinzugeben und dem Drang etwas kreieren zu wollen zu folgen. Eine Transzendenz des Geistes setzt ein - das Überschreiten der Grenzen von Erfahrung und Bewusstsein. Denn 'ein lichter Augenblick' wirft einen Blick in die Psyche des Menschen und entspricht der Unmittelbarkeit bei der Entstehung eines Kunstwerkes.

 

Lucie Kazdas Arbeiten nehmen diesen Augenblick des Bildwerdungsprozesses auf und erzeugen im Moment des Sehens Farbstimmungen, die die Weite des Horizonts in ihren Werken bestimmen. Zusätzlich wird das suggestive Gefühl der Stimmungsfindung von lichtumwobenen Bildelementen wie Wolkenbildungen, angedeuteten Landschaftsformationen oder abstrahierenden sowie craquelierten Erd- und Sandspuren verdeutlicht und in ein tiefenwirksames räumliches Landschaftsgebilde eingefasst, welches am Ende einer jeden Arbeit das Zentrum sucht - das Licht - das innere Auge. Es sind 'zur Ruhe finden' auffordernde Gemälde, die sowohl anmutende Tagträume als auch seelische Verfassungen darstellen. So sind die Kunstwerke Lucie Kazdas innere Zustandsbeschreibungen, die inspirierende Energien vermögen auszudrücken und uns teilhaben lassen an lichten Augenblicken - 'lucid moments'.

 

Text: Dr. Hendrikje Warmt, Berlin April 2015

 

1] Max Slevogt,  Zitat aus: Vorwort zum Katalog der Max Slevogt-Ausstellung in der Preußischen Akademie der Künste zum 60. Geburtstag des Künstlers, Berlin 1928, S. 39f.

 

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